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Bücher, Bücherstapel, © Though Catalog on Unsplash
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Romane, Sachbücher, Klassiker, aktuelle Bestseller und nicht zu vergessen eine große Auswahl an Hörbücher, Filmen und Serien. Bei uns finden Sie bestimmt das Richtige. Außerdem können Sie aus über 100 Zeitungen und Magazinen wählen. Um die Auswahl zu erleichtern, haben wir an dieser Stelle ein paar Tipps zusammengestellt, die monatliche aktualisiert werden.

  • Buchtipps

    Anna Baar: Nil

    Wallstein 2021

    Die Ich-Erzählerin, eine Autorin von Fortsetzungsgeschichten bei einem Frauenmagazin, erhält von ihrem Chefredakteur die Aufgabe, ihre Liebesgeschichte schnellstmöglich zu einem Ende zu bringen, „meinetwegen indem sich das Paar ein Herz nimmt und von einer Klippe springt“. Eifrig versucht sich die Geschichtenerfinderin am Endszenario ihrer Serie. Doch anstatt ein Ende zu entwerfen, zögert sie dieses hinaus, verstrickt sich in eine Aneinanderreihung von Assoziationen, Gedanken und Erinnerung aus der eigenen Kindheit.

    Dabei entwickelt sich eine verschlungene und bisweilen irritierende Erzählung, in der das erzählende Ich allmählich mit den von ihr selbst geschaffenen Romanfiguren verschwimmt. Eine poetische Selbstreflexion, ein literarisches Verwirrspiel, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit miteinander verschmelzen. Indes scheint das Erfundene alles andere als harmlos; denn was, wenn sich das Geschriebene in der Zukunft bewahrheiten sollte? Was, wenn sich Ausgedachtes in die eigene Biografie einschreibt?

    Zugegeben: Es gibt viele Bücher, die das Spannungsverhältnis von Fiktion und Realität, von Werk und Autor zum Thema haben. In dieser Bestimmtheit, gepaart mit einer leichten, heiteren Sprache sind sie aber eher selten. Nil ist ein forderndes, doch gleichsam erfrischendes literarisches Verwirrspiel, auf das man sich unbedingt einlassen sollte, dreht es sich doch auch um existentielle Fragen: Wer bin ich und wie mache ich mir die Welt erfahrbar? Bei Anna Baar ist es gewiss das Schreiben. 

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    Dörte Hansen: Mittagsstunde

    Penguin 2018

    Ingwer Feddersen, Archäologe und Dozent an der Kieler Universität, kehrt für ein Sabbatjahr zurück in seinen nordfriesischen Heimatort Brinkebüll, um sich dort um seine alternden Großeltern zu kümmern. Während Großmutter Ella immer stärker an ihrer Demenz leidet und Großvater Sönke mit diversen körperlichen Gebrechen zu kämpfen hat, regelt Ingwer die Angelegenheiten im familieneigenen Dorfgasthof. Dieser hat jedoch die besten Zeiten längst hinter sich, so wie auch das ganze Dorf; denn ausgehend von Ingwers „Bummel-Jahr“ – wie Großvater Sönke die Auszeit seines Enkels bezeichnet – wird in Rückblenden geschildert, wie sich die dörflich-agrarische Kultur des fiktiven Brinkebülls von der Nachkriegszeit an zusehends verändert, wie Flurbereinigung, Zuzug sowie die Schaffung von Monokulturen und Großbetrieben die verschworene Dorfgemeinschaft zerstören. 

    Nach ihrem überraschenden und preisgekrönten Debütroman Altes Land (2015) entwirft Dörte Hansen mit Mittagsstunde erneut einen facettenreichen Roman, in dem sie mit fein gearbeiteter poetischer Sprache den Strukturwandel eines Dorfes und seiner Bewohner beschreibt. Ohne Verklärung und Sentimentalität, doch mit sehr viel Witz und Ergriffenheit erzählt sie von Verlust und Neuanfang, vom Untergang bäuerlichen Idylls und der Verdrängung tragischer Momente eines Familienlebens am Land.

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    Tove Ditlevsen: Kopenhagen-Trilogie

    Band 1: Kindheit.
    Band 2: Jugend.
    Band 3: Abhängigkeit.
    Aufbau 2021

    Die dänische Autorin Tove Ditlevsen hat diese autobiografischen Bücher 1967 in ihrem Heimatland veröffentlicht. Und wiederum lässt sich eine große Autorin im deutschen Sprachraum nachträglich entdecken.

    Tove wächst in den Zwanziger Jahren im Kogenhagener Arbeiter- und Armenmilieu auf. Ihre Mutter verlässt jede Stelle als Dienstmädchen nach den ersten Tagen, längstens Wochen, ihr Vater landet ebenfalls in der Arbeitslosigkeit. Früh keimt in ihr die Wahrnehmung, dass sie nicht dazugehört. Sie überlässt sich dem Traum, als Gedichte-Schreiberin Erfolg zu haben, und hält durch alle niederschmetternden Erfahrungen als ungelernte Arbeiterin, Haushälterin oder Bürokraft daran fest.

    Eine kraftvolle, literarisch eigenständige und eigenwillige Autorin tritt uns entgegen.Furchtlos berichtet sie von ihrer ärmlichen, kulturfernen Herkunft, ihren ehelichen Irrwegen und schließlich ihrer Drogensucht. Hier ist eine Frau, deren Leben vom Schreiben abhing, und das atmet aus jeder Silbe. Wer sich auf sie einlässt, wird sie als wesentlichen Trittstein auf dem eigenen literarischen Pfad schätzen lernen.

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    Mithu Sanyal: Identitti

    Carl Hanser Verlag 2021

    Nivedita ist Bloggerin über Identität und Sex (daher der Titel des Buches). Und studiert Postcolonial Studies bei der indischen Professorin Saraswati in Düsseldorf. Und ist Tochter eines Inders und einer Polin in Deutschland. So viel ist schon mal sicher.

    Da stellt sich heraus, dass die charismatische Saraswati eine gefakte Inderin ist und eigentlich Sarah Vera heißt. Und das ist für ihre nicht-weißen Studentinnen eine Todsünde, hat sie doch gerade erst deren Selbstbewusstsein auf raffinierte Weise aufgepäppelt. Ist die souveräne Wahl der dunkleren Hautfarbe Verrat an den ethnisch Diskriminierten? Oder die neue Spielart der Emanzipation, nachdem schon das angeborene Geschlecht in Selbstbestimmung überging?

    Mithu Sanyal hat einen so witzigen, entkrampften und tabulosen Roman über Identitäten und Identitätsdiskurse geschrieben, dass sich kein vergleichbares Buch finden lässt. Der Jargon der Identitätspolitik rieselt nur so auf den Lesenden nieder und wird zugleich bis ins Kleinste zerpflückt, abgeklopft und zwischen Nivedita und ihrer indisch-britischen Cousine Priti schlagfertig hin und her gepingpongt.

    Niemand muss davor Angst haben, weil der gnadenlose Humor alle Theorieschwere eliminiert. Aber eine gewisse Toleranz seiner eigenen szenespezifischen Unwissenheit gegenüber sollte man haben. Und unschwierige englische Passagen sollten kein Hindernis sein. Dann ist das Lesen das reinste Vergnügen!

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    Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz. Erzählungen

    Manesse 2016

    Zelda Fitzgerald war die Ehefrau und kongeniale Partnerin des amerikanischen Autors von „The Great Gatsby“ F. Scott Fitzgerald. Das Leben des amerikanischen Skandal-Ehepaars Fitzgerald galt als Verkörperung der Roaring Twenties. Opulente Parties an der Cote d’Azur, Alkohol in Strömen und luxuriöse Exzesse waren ihr Markenzeichen.

    Zelda war eine begabte Schriftstellerin, deren Stil in den Büchern ihres Mannes wiedererkennbar ist. Offenbar waren die Manuskripte unter dem Namen ihres Mannes um ein Vielfaches teurer zu verkaufen. Ihre Erzählungen kreisen um starke, unabhängige Frauen, die Erfolg und Bestätigung suchen, dafür aber auch einen Preis bezahlen.

    Ein gedanklicher Ausflug zu ausufernden sinnlichen Genüssen an der französischen Riviera kann im Sommer überhaupt nicht schaden. Dazu zerfließt Zeldas Sprachkunst einem auf der Zunge wie ein Zitronensorbet.

    Wer Feuer gefangen hat: Zeldas und Scott Fitzgeralds Leben ist allein schon Stoff für wilde Romane, den zu verfolgen einem Schauer über den Rücken jagt. Tipp: Josephine Nicolas: Tage mit Gatsby. DuMont 2021

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    Sven Stricker: Sörensen hat Angst

    Rowohlt 2015

    Persönlicher Tipp von Ursula Poznanski: unterschätzter Autor!

    Kriminalinspektor Sörensen lässt sich wegen einer Angststörung von Hamburg nach Nordfriesland versetzen. Gleich am Tag seines Dienstantritts wird er mit einem Mord im Pferdestall konfrontiert. Und das Opfer ist gleich noch der Bürgermeister. Da hilft es nichts: sein Team und er müssen schnell zusammenwachsen. Umso mehr als die Todesfälle weitergehen. Und der Steuerberater plötzlich auswandern will.

    Hier stimmt einfach alles: das nordfriesische Milieu samt Schietwetter, der glaubwürdige Sonderling Sörensen, die Entwicklung des Falles in ungeahnte Dimensionen, das unter dem tot wirkenden Dorf liegende Geheimnis und ganz besonders der immer mitschwingende Witz mit köstlichen Sprachbildern.

    Krimis, die gleichzeitig literarische Ansprüche befriedigen, sind eher selten. Hier könnte ein echter Geheimtipp daraus werden. Zur Weitergabe!

    Übrigens verfilmt und immer wieder im Fernsehen ausgestrahlt mit dem „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel als Regisseur und Hauptdarsteller. Sich mit dem Film zufriedenzugeben, wäre allerdings wirklich schade um diesen auch literarischen Leckerbissen!

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    Elif Shafak: Schau mich an!

    Kein &Aber 2020

    Was macht es mit uns, wenn wir angeschaut werden? Und wie wir angeschaut werden? Und warum schauen wir so gern selbst? Ist das Thema schon bei uns ein vielversprechendes, hat es im islamischen Kulturbereich noch eine zusätzliche Brisanz, wenn man an Erscheinungen wie den Bösen Blick denkt.

    Elif Shafak, eine türkisch-englische Autorin, stellt ein wunderlich auffälliges Pärchen in den Mittelpunkt ihres Buches: eine unmäßig dicke junge Frau und einen Kleinwüchsigen. Sie bleibt dabei aber keineswegs stehen. Es werden fast eigenständige Geschichten eingefügt, die wie alte Sagen der mystischen Zeit wirken. Oder aus einer anderen Perspektive begreiflich machen, welche Wunden Gesehen-werden schlagen kann. Schönheit und Hässlichkeit, Scham, Ekel und Schaulust werden ausgeleuchtet. Teile eines „Lexikons des Sehens“ sind wie Zuckerstreusel darübergestreut.

    Es fehlt dem Roman etwas an Stringenz und Logik. Das Panorama ist einfach zu breit. Und der zweite Teil des Romans ist deutlich stärker. Dennoch ein Augenöffner, was „Augenblicke“ richten und anrichten können und deshalb allen empfohlen, die Zugang bekommen zu sinnlichen, bildhaft-mystischen Schreibweisen, die weniger den logischen Verstand ansprechen.
     

    Martin Mosebach: Krass

    Rowohlt 2021

    Ralph Krass ist ein steinreicher, machtbewusster Geschäftsmann. Und er schart gerne Leute um sich, die er großzügig zu kulinarischen und kulturellen Genüssen einlädt.

    Zufällig läuft ihm die junge Lidewine über den Weg, eine Abenteurerin, die nur den Moment genießt.

    Sein Sekretär Jüngel unterbreitet ihr einen Vorschlag: sie fügt sich als Begleiterin an seine Seite, enthält sich jeglichen erotischen Seitensprungs und wird dafür – ohne körperlich angerührt zu werden – finanziell ausgehalten.

    Das Buch des 70-jährigen Büchner-Preisträgers Mosebach ist eine Studie oder vielmehr ein Kaleidoskop an Studien. Über Macht und Liebe, über Selbstvertrauen und das Verstreichen der Zeit. Weniger die Handlung steht im Vordergrund als die intensive, elaborierte Auseinandersetzung mit den menschlichen Grundthemen.

    Einnehmend, sprachlich genussvoll und mit unvergesslichen Charakteren oder Szenen, nie aber mitreißend oder vorwärtsziehend. Für nachdenkliche Menschen, die ein feines Organ für die Umwandlung der Wirklichkeit in Sprache haben.

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    Yishai Sarid: Siegerin

    Kein & Aber 2021

    Bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern – eine schon in Gewohnheit übergegangene Nachricht. Der ehemalige israelische Nachrichtenoffizier Sarid hat hier einen Roman zum Innenleben des israelischen Militärs vorgelegt, der irritiert und irritieren will.

    Abigail ist Militärpsychologin. Ihre Aufgabe und Leidenschaft ist es, Soldaten das Töten zu erleichtern. Zugleich ist sie die hingebungsvolle Mutter ihres Sohnes Schauli. Und dieser wird nun als Fallschirmjäger einberufen.

    Der Roman hat eine große Kraft, ohne eine moralische Position zu vertreten. Wie kommt es, dass junge Männer, kaum den Pubertätspickeln entwachsen, auf gleichaltrige Menschen schießen, nur, weil diese als Feind deklariert sind? Und wie kommen sie damit zurecht?

    Obwohl es einfache Antworten auf das Thema Krieg nicht gibt, ist dieser Roman ein Augenöffner. Er führt das hermetisch abgeschlossene Wertesystem einer kriegführenden Nation vor. Gedanken dazu muss sich jede/r selbst machen.

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    Ljuba Arnautović: Junischnee

    Zsolnay 2021

    Die Wiener Brüder Karl und Slavko machen 1934 einen Ausflug ins Grüne mit ihrer Mama. An einem abgelegenen Platz werden die Kinder Helfern übergeben. Abgesehen von einem sommerlichen Intermezzo auf der Krim, sieht nur einer von ihnen seine Mutter wieder – und dies erst nach über 20 Jahren.

    Das Schicksal der zu ihrem Schutz in die Sowjetunion verfrachteten Kinder von österreichischen Kommunisten wird hier auf ergreifende Weise geschildert.

    Lagerhaft, Besserungsanstalt, GULag warten auf Karl. Er kämpft sich durch Hunger, Kälte und Zwangsarbeit. Schließlich schafft er es in den Fünfziger Jahren nach Wien zurück und lädt dort schwere Schuld auf sich.

    Arnautović hat ein packendes Stück Zeitgeschichte und zugleich die Geschichte ihrer eigenen Familie aufgearbeitet. Die klare Sprache, der lakonische Ton und die souveräne Erzählhaltung überzeugen in jeder Hinsicht. Das schmale Bändchen sei allen als Erweiterung des eigenen Horizonts ans Herz gelegt.

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    Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek

    Droemer 2021

    Nora Seed ist nicht gerade glücklich mit ihrem Leben: zu viele verpasste Chancen, zu viele gescheiterte Beziehungen. In dieser Situation wird ihr Job gekündigt und ihre Katze tot aufgefunden. Sie sieht nur noch einen Ausweg: Selbstmord.

    Während sie zwischen Tod und Leben schwebt, findet sie sich plötzlich in einer Bibliothek wieder. Jedes Buch im Regal ist eine Variante ihres Lebens, die sie verpasst, ausgeschlagen oder abgebrochen hat. Und jetzt hat sie freie Wahl.

    Die Idee des Romans entwickelt eine große Faszination, die bis zum Schluss anhält. Leider aber hat der Autor nicht die Fähigkeit, durch Sprache Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Dennoch trägt das Konzept und führt die Lesenden am Schluss zu neuen Einsichten, die das eigene Leben bereichern.

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    Elisabeth Lechner: Riot, don’t diet! Aufstand der widerspenstigen Körper.

    Kremayr & Scheriau 2021

    Schönheit ist politisch! Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner analysiert in ihrem Buch den Schönheitsdiskurs und wie marginalisierte Körper in einer lookistischen Welt unterdrückt werden: bewertet wird aufgrund von Aussehen, nicht von Kompetenzen. Sie widmet sich dabei Themen wie Fat-Shaming, Rassismus, Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, Queerness und der Entstehung der Body-Positivity-Bewegung.

    Die Autorin ermöglicht neue Blickweisen auf solche komplexen Diskurse der Gegenwart und liefert fundierte Kritik an der Schönheitsindustrie. Immer wieder wird man als Leser*in stutzig und hinterfragt eigene Denkmuster. Diese Lektüre erweitert die Sicht auf Schönheit und man stimmt nur zu: wir brauchen mehr Systemgrant anstatt Selbsthass!

    Tipp: Elisabeth Lechner hat für die Stadtbibliothek ein Video über Body Positivity und deren Forderungen aufgenommen: Elisabeth Lechner über Body Positivity

    "Riot, don’t diet!" im Online-Katalog


    Martin Schnick: Entweder die Tapete verschwindet oder ich!

    Kuriose und mysteriöse Todesfälle berühmter Dichter – von Albert Camus bis Stefan Zweig.

    Autorinnen und Autoren– insbesondere berühmte – scheinen für unglückliche, gewaltvolle und in jedem Fall verfrühte Todesarten geradezu prädestiniert zu sein. Das Künstlerdasein hat eben auch seine Schattenseiten. Sei es, dass sie sich zu Tode trinken (Joseph Roth), dem Drogenrausch erliegen (Klaus Mann) oder den Selbstmord als Ausweg wählen (Sylvia Plath und Ernest Hemingway)

    Martin Schnick macht uns mit dem Lebensende von 50 Literaten bekannt. Wer die Werke von Goethe und Schiller, Margret Mitchell, Edgar Allen Poe oder Oscar Wilde schätzt, bekommt hier Einblick in ihre oftmals schockierend elenden Todesstunden. Zugleich erfahren wir nebenher viel Interessantes über Alltagsgeschichte, z.B. über den Umgang mit Krankheit in früheren Zeiten. Es wird geraten, die Geschichten wohldosiert zu lesen.

    "Entweder die Tapete verschwindet oder ich!" im Online-Katalog


    Romina Pleschko: Ameisenmonarchie

    Kremayr & Scheriau 2021

    Ein Mietshaus und seine Bewohner ist das literarisch schon häufiger bearbeitete Thema im Romandebüt der österreichischen Autorin. Aber in diesem speziellen, ja geradezu gnadenlosen Ton lässt sich ein frischer unverwechselbarer Stil und ein Sinn fürs Aberwitzige entdecken.

    Da ist der routinierte Gynäkologe Herb Senior, der seinem homosexuellen Sohn die Praxis übergibt. Oder die alleinerziehende Kosmetikerin Karin, die dem Alter noch mal von der Schippe springen will.

    Und dann der Mann namens Klaus, akkurater Pedant zuhause, der sich in den Sozialen Medien unter falschen Namen bösartig austobt – alles keine sympathischen Figuren, aber haarscharf beobachtet und spitzzüngig seziert. Deren Schwächen und Strategien, die Fassade glänzen zu lassen, werden sprachlich messerscharf vor uns ausgebreitet.

    Kein Wunder, dass am Schluss nicht mehr alle das Licht des Tages erblicken. Wir als Leser:innen freuen uns über eine neue Stimme in der Literaturlandschaft.

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    Dmitrij Kapitelman: Eine Formalie in Kiew

    Hanser 2021

    Dmitrij war vor 17 Jahren zuletzt in der Ukraine, und da war er 8 Jahre alt. Seitdem ging er in Dresden zur Schule, lernte dabei Sächsisch, studierte und machte seinen Weg.

    Jetzt will er seine deutsche Mentalität mit einem deutschen Pass komplettieren. Und dafür braucht er eine aktuelle Geburtsurkunde samt Beglaubigung, die er nur in Kiew bekommt. Also ist ein Minimum an ukrainischer Gewandtheit nötig, um Deutscher zu werden. Eine Reise in die Vergangenheit mit zahllosen Überraschungen beginnt.

    Kapitelman beschreibt in einem zwischen Humor und Melancholie schwankenden Ton seine Erfahrungen als Wanderer zwischen den Welten. Wie geht das: ukrainische Staatsdiener schmieren? Wie fühlt sich das an: seinen Vater in ein ukrainisches Krankenhaus einliefern? Und wie soll das gehen: sich mit seiner ukraine-nostalgischen Mutter und ihrer Katzenmanie versöhnen?

    Eine Stimme der Menschlichkeit, die in der Erzählung des Dazwischen amtliche Vorstellungen von strammer Anpassung unterläuft. Und eine warm erzählte Familiengeschichte, die anrührt in ihrer Offenheit.

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    Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde

    Dtv 2021

    Die zwei Schwestern Aljona und Sofija, 11 und 8 Jahre alt, schlagen die Zeit am Strand der sibirischen Halbinsel Kamtschatkas tot. Ihre alleinerziehende Mutter wird sowieso erst spät von der Arbeit heimkehren. Doch die beiden kommen nie zuhause an.

    Ihr Verschwinden zieht weite Kreise der Betroffenheit in der eng miteinander verwobenen Gesellschaft unweit des Polarkreises. Leise und unaufgeregt lernen wir weitere weibliche Schicksale kennen. Warum sind so viele Mütter auf sich allein gestellt? Wie verkraftet eine Gesellschaft die Öffnung, nachdem sie bis 1990 als militärisches Sperrgebiet abgeschnitten war vom Rest der Welt? Wie kommen die Ureinwohner Kamtschatkas mit ihrer Rolle als verachtete Randgruppe zurecht?

    Eine fremde, abgelegene Welt öffnet sich uns. Und auch das Schicksal der beiden Mädchen bekommt am Schluss noch eine Stimme.

    Die amerikanische Autorin hat ein Jahr auf Kamtschatka verbracht. Ihr Konstruktionsprinzip, wie in einem Fächer nur lose miteinander verbundene Frauenschicksale vor uns auszubreiten, hat Stärken und Schwächen. Manche Kapitel haben Blut und Wärme, andere wiederum bleiben seltsam kalt und rätselhaft.

    Für Menschen, die sich gerne auf fremde Welten einlassen und mit gucklochartigen Einblicken zufrieden sind.

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    János Székely: Verlockung

    Diogenes 2016

    In einem ungarischen Bauerndorf zwischen den Weltkriegen fristet der kleine Béla ein elendes Leben als Pflegekind einer habsüchtigen Furie. Er ist ein leidenschaftliches, zutiefst verletztes Kind. Die erlittene Herzenskälte und bittere Armut machen aus ihm einen Außenseiter, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Da entfacht die Aussicht, zu seiner Mutter nach Budapest gehen zu dürfen, ungeahnte Kräfte in ihm.

    Der Autor zieht einen großen Bogen durch eine harte Kindheit und Jugend voller Entbehrungen und spärlicher Triumphe. Wir kosten die unglaublichen Höhen und Tiefen im Leben dieses besonderen Menschen aus. Und wir lassen uns in ein Ungarn der extremen sozialen Gegensätze entführen.

    Dies ist eine literarische Delikatesse, die über Generationen ein Dauerbrenner war und bleiben wird! Sinnliche Lektüre der Extraklasse für Menschen, die gerne ein wenig tiefer eindringen wollen in die Triebkräfte menschlicher Schicksale.

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    Cho Nam-Joo: Kim Jiyoung, geboren 1982

    Kiepenheuer & Witsch 2021

    Die 33-jährige liebende Ehefrau und Mutter Kim leidet offenbar unter einer Persönlichkeitsstörung. Manchmal redet sie, als ob sie eine andere Person wäre. Und dann sagt sie ihren Zuhörer:innen unverblümte Wahrheiten ins Gesicht, die sie als Kim nie gewagt hätte, auszusprechen.

    Was lief schief in Kims Leben, dass sie nur auf diesem Weg aus dem Rollenbild der gefügigen Wachspuppe ausbrechen kann?

    Cho Nam-Joo hat ein klares, einfach aufgebautes, übersichtliches kleines Büchlein geschrieben. Und damit eine Welle der Bewunderung ausgelöst. Denn in schöner Balance zwischen Lebensbericht und Dokumentation wirft sie ein helles Scheinwerferlicht auf Missstände. Nämlich die Herabwürdigungen, denen eine südkoreanische Frau zeitlebens ausgesetzt ist.

    Eines der seltenen Basisbücher, das auf einfache Art Einsichten bietet, denen sich niemand entziehen kann.

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    Axel Hacke: Im Bann des Eichelhechts

    Kunstmann 2021

    Sind Sie eine:r von denen, die im Autotouring-Magazin zuerst die Fotos mit verrückten Verkehrsschildern auf der letzten Seite anschauen? Dann sind Sie ein:e Kandidat:in für dieses Buch!

    Axel Hacke versammelt sprachliche Fehlleistungen, Übersetzungsfehler, Liedtext-Verhörer und ähnliches, und macht daraus etwas Magisches: eine Sightseeingtour ins Sprachland. Hier blühen Tiftrienen im Walde (eigentlich tief drinnen) und Autofirmen sind so entspannt, dass sie Ihren Wagen „im gleichgültigen Zustand“ kaufen. Umzugskartons tragen die Aufschrift „Schlaffzimmer“ und „Fischsalat vom Huhn“ kann freiweg auf der Speisekarte bestellt werden.

    Wer eine Ader für höheren Unsinn hat, kommt hier voll auf seine Kosten. Ich jedenfalls habe das Buch nicht im Zug geöffnet. Die Mitreisenden hätten sich Sorgen um mich gemacht.

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    Antti Tuomainen: Klein-Sibirien

    Rowohlt 2020

    Das Örtchen Hurmevaara im äußersten Osten Finnlands hat gerade einmal 1000 Einwohner. Aber ein nicht unbeträchtlicher Teil davon gerät in Verdacht, den wertvollen Meteoriten, der in den Wagen des Ralleyfahrers Tarvainen gefallen ist, stehlen zu wollen. Nur der Pfarrer stellt sich zur Verfügung, den Meteoriten im Militärmuseum zu bewachen. Aber der hat noch ein anderes Problem. Seine Frau eröffnet ihm freudestrahlend, dass sie schwanger ist. Dabei ist er zeugungsunfähig.

    Der finnische Krimipreisträger Tuomainen hat einen Krimi mit schwarzem Humor geschrieben, der aufhorchen lässt. Der Pfarrer erinnert stark an Don Camillo und würde ohne seine Kriegseinsatz-Vergangenheit keinen Stich machen.

    Zugleich hat der Krimi eine ganz eigene lakonische Sprache und beeindruckt durch starke Bilder aus dem finnischen Winter. Spannungsleser:innen mit literarischem Anspruch werden hier voll auf ihre Kosten kommen.

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    Colum McCann: Apeirogon

    Rowohlt 2020

    Das mir zuvor völlig unbekannte Wort bezeichnet eine zweidimensionale Figur mit fast unendlich vielen Seiten. Das erinnert an das Kaleidoskop unserer Kinderzeit, das durch Schütteln von Schmuckplättchen immer wieder neue Muster zaubert.

    Und genau das macht dieses Buch. Es erzählt davon, wie Rami und Bassam, ein israelischer und ein palästinensischer Vater, durch Attentate ihre gerade flügge werdenden Töchter verlieren. Und wie sie sich dazu durchringen, Schulter an Schulter an den Wurzeln des israelisch-palästinensischen Konfliktes zu sägen; am Hass.

    Kleine und Kleinstkapitel bieten auf den ersten Blick harmlose Details, die es in sich haben. Große Literatur!

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    Jana Volkmann: Auwald

    Verbrecher Verlag 2020

    Die junge österreichische Autorin hat mit Judith eine sympathische Antiheldin geschaffen. Judith kann es nicht so mit Menschen. Dafür als Tischlerin umso besser mit Holz. Schließlich muss ihr Chef sie bitten, auch einmal eine Erholungszeit zu nehmen. Als Touristin in Bratislava dauert es nicht lange, bis sie buchstäblich die ausgetretenen Pfade verlässt.

    Eine erfrischende, sprachmächtige Expedition durch den Auwald und zu sich selbst!

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    Karin Kalisa: Sungs Laden

    C.H.Beck 2015

    Der achtjährige Minh, aufgewachsen am Prenzlauer Berg, Berlin soll ein vietnamesisches Kulturgut in die Schule mitbringen.

    Und weil seine Großmutter eine Marionette in der Schule vorführt, kommt eine Welle ins Rollen. Schließlich laufen Parkwächter mit Kegelhüten auf den Köpfen herum und vielbefahrene Straßen werden von Pop-up-Brücken überwunden.

    Eine heitere und frohe Utopie, die zeigt, was möglich wäre, wenn Menschen auf Menschen zugehen, egal welcher Herkunft. Lieblingsbuch zahlloser Fans! Für Menschen, die an das Gute glauben und darin bestärkt werden wollen.

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    John Boyne: Cyril Avery

    Piper 2018

    Cyril ist sieben Jahre alt, als er seinen Freund Julian kennenlernt, ein lebenslustiger Typ, den der homosexuelle Cyril während seiner ganzen Jugend heimlich begehrt. Im Irland der Nachkriegszeit homosexuell zu sein, ist ein schweres Los. Cyrils lügenvolles Leben kulminiert in einem folgenschweren Fehler. Erst dann kann Cyril ein neues Leben beginnen.

    Ein Schmöker, bei dem wir am Ende traurig sind, Cyril, der uns zum Freund wurde, verlassen zu müssen. Ein zu Herzen gehendes Schicksal, erzählt in einer so geschmeidigen Sprache, lässt die über 700 Seiten wie im Flug vergehen.

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    Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten.

    hanserblau 2019

    Alice Hasters Buch hat mich zutiefst betroffen gemacht und Reflexionen zu meinem eigenen Verhalten angeregt, zeigt aber auch konkrete Handlungsmöglichkeiten auf und bietet Hoffnung. Große Empfehlung!

    „Selten fühlen sich weiße Menschen so angegriffen, allein und missverstanden, wie dann, wenn man sie oder ihre Handlungen rassistisch nennt. Das Wort »Rassismus« wirkt wie eine Gießkanne voller Scham, ausgekippt über die Benannten. Weil die Scham so groß ist, geht es im Anschluss selten um den Rassismus an sich, sondern darum, dass ich jemandem Rassismus unterstelle.“

    Alice Hasters wählt in ihrem Buch einen sehr persönlichen Zugang zum Themenkomplex Rassismus: sie erzählt aus ihrer Biografie als Schwarze Frau in Deutschland über Rassismus im Alltag. Eindringlich verbindet sie die Anekdoten auf theoretischer Ebene mit historischen Belegen und macht klar: wir alle tragen dazu bei und müssen uns mit unserem Rassismus befassen, auch wenn es unangenehm oder gar schmerzhaft wird.

    Falls lieber gehört werden will: das Hörbuch, von der Autorin selbst gelesen, findet sich auf allen Hörbuchplattformen kostenlos (etwa auf Spotify oder audible).

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    Tanja Paar: Die zitternde Welt

    Haymon 2020

    Die Österreicherin Maria schlägt sich 1896 schwanger zu ihrem Freund durch. Der lebt als Bauingenieur der Bagdadbahn in einem Dorf mitten im Osmanischen Reich. Da verdüstert sich der weltpolitische Horizont. Es riecht nach Krieg. Ein Roman, der das Schicksal einer Familie in den großen weltpolitischen Verwerfungen ihrer Zeit verfolgt. Abseits von Klischees und mutig in seiner Schilderung menschlichen Scheiterns.

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    Meena Kandasamy: Schläge. Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau

    Culturbooks 2020

    Die indische Autorin erzählt, reflektiert und beleuchtet ihr viermonatiges Leben als geschlagene, misshandelte und vergewaltigte Ehefrau. Dieses Buch ist ein Molotowcocktail. Es sprengt Grenzen. Grenzen der Selbsterkenntnis und der Scham, Grenzen des Sagbaren, Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten und Grenzen zwischen den Geschlechtern.

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    Benjamin Myers: Offene See

    DuMont 2020

    Der 16-jährige Bergarbeitersohn Robert macht sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu Fuß auf, um sein Land näher kennenzulernen, wandert durch grüne Wiesen und Flusstäler. Da trifft er auf die alte Dulcie, die zusammen mit ihrem Hund in einem überwucherten Cottage über dem Meer wohnt. Ein Buch der menschlichen Weisheit, des zauberischen Loblieds auf die Natur und die Poesie. Ein Buch für Herz und Seele!

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    Chimananda Ngozi Adichie: American

    S. Fischer 2013

    Ifemelu, eine gut ausgebildete Nigerianerin übersiedelt als Princeton-Stipendiatin in die USA. Sie wird unterstützt und liebevoll begleitet aus der Ferne von ihrer großen Liebe Obinze. Der Kulturschock und besonders die unüberwindlich scheinenden Geldprobleme werfen sie aus der Bahn. Am Tiefpunkt ihrer Selbstentfremdung lässt sie den Kontakt mit Obinze abreißen. Aber das Leben in den USA hat gerade erst begonnen. Besonders ihr Blog, in dem sie messerscharf analysiert, wie Schwarze in den USA behandelt werden, eröffnet ihr neue Wege. Als sie in den USA voll angekommen ist, trifft sie eine Entscheidung, die niemand in ihrem Umfeld verstehen kann.

    Adichie ist eine großartige Beobachterin und Erzählerin. Auf 600 Seiten nimmt sie uns an die Seite von Ifemelu, die erst in den USA bemerkt, dass sie ein Hautfarbenproblem hat. Nebenbei lernen wir viel über unsere eigenen Vorurteile und über die Stellung von Schwarzen in Amerika. Am fesselndsten ist aber die menschliche Entfaltung Ifemelus, die sich selbst emanzipiert und lernt, auf ihre innere Stimme zu hören. Die Stimme einer schwarzen Autorin, der zuzuhören sich lohnt. Und zwar auf jeder der 600 Seiten.

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    Heinrich Steinfest: Der Chauffeur

    Piper 2020

    Der Chauffeur Paul Klee macht einen Fehler, den er sich selbst nicht verzeihen kann. Er rettet bei einem Autounfall nicht zuerst das 10-jährige Kind, sondern seinen eigenen Chef, einen skrupellosen Machtmenschen. Indem er daraufhin mit seiner neuen Liebe ein „Hotel zur kleinen Nacht“ eröffnet, beginnt er ein neues Leben, und das ist nicht das letzte Mal, dass er neu anfangen muss…

    Heinrich Steinfest schreibt einen gelassenen, nachdenklichen und immer auch humorvollen Stil. Er ist zugleich ein bodenständiger Realist, ein tiefgründiger Philosoph und ein verrückter Fantast. Von all dem bedient er sich souverän und doch ist der Roman aus einem Guss. Jeder Satz schmeichelt der Intelligenz und der Sprachliebe des Lesenden. Das nächste Buch von Steinfest nehme ich mir in die Quarantäne mit (wenn sie denn kommen sollte) – ein möglichst dickes.

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    Maria Lazar: Leben verboten!

    Das vergessene buch 2020

    Das Buch einer Wiener Autorin, die ins Exil gehen musste, spricht zu uns aus dem Jahr 1932, ist aber 2020 zum ersten Mal in voller Länge erschienen. Und das ist ein Verdienst, denn sein expressionistischer Stil und die herausragende Zeitanalyse der Autorin suchen ihresgleichen. Ich wurde an „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin erinnert.

    Die Autorin schreibt kraftvoll und bildhaft. Lange Passagen bestehen aus wörtlicher Rede, die sie meisterhaft einsetzt. Ein ungewöhnlicher, erfrischender Stil ganz nah an den Menschen, die damals die Straßen bevölkerten: Hausangestellte, verarmte Adlige, Arbeitslose und nationalsozialistische Fanatiker.

    Herr von Ufermann, gutsituierter Firmenchef, hat Alpträume. Und die sollen sich als Vorzeichen herausstellen, denn seine Brieftasche mit den Flugtickets wird gestohlen, er verpasst seinen Flug und damit seinen eigenen Tod, denn das Flugzeug stürzt ab und alle Insassen verkohlen zur Unkenntlichkeit. Statt seines Lebens froh heimzukehren, gerät er in eine Identitätskrise. Denn seine Firma und wohl auch seine Ehe kann nur mit den Versicherungsmillionen gerettet werden, die mit seinem Tod fällig werden. Er lässt sich treiben und gerät an kriminelle Politaktivisten, die ihn gut gebrauchen können.

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    János Székely: Verlockung

    Detebe 2016

    Hier ist der Langzeit-Favorit zahlloser Menschen. Der Bauernjunge Béla arbeitet zwischen den beiden Weltkriegen als Liftboy in einem Budapester Grandhotel. Bittere Armut und überbordender Reichtum des Geldadels treffen aufeinander. Sinnliche, anregende Lektüre, die fast 1000-seitig zum Abtauchen taugt.

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    Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand

    Berenberg 2020

    Wir schreiben das Jahr 1764. Musa al Lahuri, Astronom am Hof des Herrschers von Jaipur, und Carsten Niebuhr, dänisch-deutscher Forschungsreisender im Orient, treffen wider alle Wahrscheinlichkeit aufeinander. Poetisch-leichtfüßige Kostbarkeit mit hintergründigem Humor und viel Lust am Spiel mit der Sprache. Ein kleines Wunder!

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    Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt

    Klett-Cotta 2020

    Wir haben durch Corona auch einiges gelernt: zum Beispiel innezuhalten. Hier ist das Buch dazu. Iris Wolff erzählt eine Familiengeschichte aus dem Banat in vier Generationen und schafft es zugleich, die Zeit stehenzulassen. Nichts hastet nach vorne, nichts will überlesen sein. Jedes Wort lässt Gegenwart spüren: sinnliche Eindrücke, Wahrnehmungen, Gefühle. Außergewöhnlich!

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    Ferdinand von Schirach: GOTT. Ein Theaterstück

    Luchterhand 2020

    Ist es moralisch gesehen vertretbar, sein Leben selbst zu beenden, auch wenn man körperlich und geistig gesund ist? Und darf man dabei aus ethischer Sicht ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen?

    Dieser Frage widmet sich die deutsche Ethikkommission bei einer Anhörung zum Fall Richard Gärtner. Dem 78-Jährigen bedeutet sein Leben nach dem Tod seiner Frau nichts mehr. Expertenmeinungen aus der Ärzteschaft, der katholischen Kirche und des Rechts werden eingeholt. Der Anwalt von Gärtner spielt den Advocatus Diaboli. Er zerpflückt die vorgetragenen Einwände und versucht so, dem Anliegen Gärtners eine Tür zu öffnen. Die Entscheidung wird – wie schon bei dem Stück „Terror“ von Schirach – dem Publikum überlassen.

    Schirach gelingt ein Doppeltes: Er führt vor, wie in Zeiten medialer Schlammschlachten eine emotional aufgeladene Frage von allen Seiten beleuchtet wird - besonnen und unter Achtung der Kontrahenten. Und er spielt den Ball zurück an die Lesenden, die sich in den vorgetragenen Positionen wiederfinden können. Ein Buch, das Diskussionen im Freundeskreis auslösen soll und wird. Ein Buch, das die existenzielle Frage stellt: Wem gehört unser Leben? Jede/r wird sie auf seine persönliche Art beantworten wollen.

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    Sandra Weihs: Delilah

    Czernin 2020

    Penelope ist eine Schülerin, die es aufgegeben hat, nach Freundinnen zu suchen. Da tritt die neue Mitschülerin Delilah in ihr Leben, ein Vogel, dem von klein auf „das Lied der Freiheit geträllert wurde“. Und mit Delilah kommen Mut, Freundschaften, eine Clique und schließlich die erste Liebe.

    Aber als Delilah eines Nachts wegen ihrer Unfähigkeit Nein zu sagen, vergewaltigt wird, geht ein Riss durch das Fundament der verschworenen Gemeinschaft. Penelope muss Farbe bekennen. Überlässt sie weiterhin Delilah die Führung für ihr Leben? Und wenn sie selbst das Ruder übernimmt, wählt sie das sichere Nest oder den freien Flug?

    Ein sehr poetischer, zu Herzen gehender Roman einer jungen österreichischen Autorin mit einer ganz eigenen Sprachmelodie. Wer einmal SchülerIn war und sich an das Gefühl der offenen Zukunft als junger Mensch erinnern kann, taucht tief in diese sensible Gefühlswelt mit ein. Ein musikalisches Buch mit großer poetischer Strahlkraft.

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    Isabelle Autissier: Herz auf Eis

    Mare 2017

    Ein junges Paar kündigt sein vorhersehbares Leben auf und bricht zu einer Weltumsegelung auf. Ludovic, der erfolgsverwöhnte Sonnyboy, und Louise, die zierliche Bergsteigerin, geraten auf einer Insel in der antarktischen See in einen Sturm. Am nächsten Morgen ist ihr Schiff wie vom Erdboden verschluckt. Ab da beginnt ein Psychokrimi. Im Kampf ums Überleben wird ihre Liebe auf die Probe gestellt, aber nicht nur das. Die existenzielle Not bringt Seiten in ihnen zum Vorschein, die sie nie in sich vermutet hätten. Bis eine Entscheidung ansteht, die ihrer beider Schicksal auseinanderreißt.

    Die Autorin ist im wahren Leben die erste Frau, die alleine die Welt umsegelt hat. Das erklärt die hohe Glaubwürdigkeit der Handlung. Die verzweifelten Rettungsversuche und Stimmungswechsel des Paares lassen uns hoffen und bangen. Dazu kommt die hohe Bildkraft der Sprache. Eine Reise nicht nur zu den Schönheiten der Erde, sondern auch zu den Triebkräften der menschlichen Natur.

    Für alle, aber besonders für Menschen, die psychologische Spannung schätzen.

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    Ilija Trojanow: Doppelte Spur

    S. Fischer 2020

    „Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich.“ Dieser Satz steht dem Buch voran. Auch wenn das Entsetzen über haarsträubende Machenschaften mich Zeile für Zeile nicht mehr loslässt – ja, das glaube ich.

    Ilija bekommt sowohl von amerikanischer als auch russischer Seite geleakte Dokumente zugeschickt. Bei der Aufarbeitung wird klar, wie skrupellos Politfunktionäre beider Seiten mit Wahrheit, Geld und Macht umgehen. Wegen emotionaler Überforderung bekommt Ilija Verstärkung durch einen Journalisten-Kompagnon. Auch Emi gesellt sich dazu, die den Fall Sexueller Massenmissbrauch durch „Geoffrey Wasserstein“ aufarbeitet. Zwischen Ilija und Emi keimt ein Funke von Gefühl auf.

    Ein Höllenritt durch die Umtriebe eines Konglomerats aus Mafia, Multimillionären und Politmanagern, die sich in ihrer Abgefeimtheit nicht voneinander unterscheiden. Trump und Putin bis zur Kenntlichkeit entstellt. Die Wärme der Liebesgeschichte als rettender Anker in einem Ozean der Kälte.

    Obwohl harte Kost möchte ich kein Wort davon missen. Besser die Tiefe des Abgrunds kennen, als ahnungslos darüber hinwegzuspazieren.

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    Lisa Eckhart: Omama

    Zsolnay 2020

    Lisa Eckhart, die Grenzgängerin und Stein des Anstoßes im österreichischen Kabarett hat ihr erstes Buch geschrieben. Es soll von der Biografie ihrer Oma handeln, eigentlich ist es aber eine österreichische Provinzsatire von der Besatzungszeit bis in die 80er Jahre.

    Wenn im gesellschaftlichen Diskurs die Grenze des Anstoßes bewusst vermieden wird, fühlt sich Lisa Eckhart genau dort und noch weit dahinter in ihrem Element. Wenn das Verschweigen beginnt, setzt sie ihre rhetorischen Scheinwerfer ein. Derbe Dialektwörter, findige Sprachassoziationen und Zuspitzung bis hin zur Farce sind ihre Mittel.

    In Ihrer kabarettistischen Kunst macht sie Tabus sichtbar und leuchtet dunkle Winkel des gesellschaftlichen Bewusstseins aus. In einem Roman ermüdet aber der geballte Sprachwitz. Die Handlung verliert den roten Faden. Bösartige Beleidigungen, Obszönitäten und Unverschämtheiten aneinandergereiht verlieren die Wirkung. Eine Kürzung auf die Hälfte hätte dem Buch vielleicht gut getan.

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    Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie

    Diogenes 2017

    1886 landet der junge russische Jude Boris Sidis mittellos in New York. 5 Jahre später beginnt er ein Psychologiestudium in Harvard, absolviert danach ein zusätzliches Medizindoktorat und treibt die Forschungen zu psychischen Krankheiten voran. Rastlos und bildungsvernarrt wie er ist, entwickelt er eine völlig neue Erziehungsmethode für seinen Sohn William.

    Billy lernt mit 18 Monaten lesen und beginnt mit 11 Jahren, nach 3 Jahren Wartezeit ein Harvard-Studium. Er spricht 25 Sprachen. Da wendet sich das Blatt. Als Erwachsener zieht sich Billy immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück und nimmt Routinejobs im Büro an. Er lehnt die ungleiche Verteilung von Reichtum und Chancen ab und engagiert sich im Kommunismus.

    Dass er nie gelernt hat, menschliche Wärme und Empathie zu empfinden, lässt ihn schließlich scheitern. Das spannende, episch ausgebreitete Schicksal eines Menschen, der das Heil der Menschheit allein in der Rationalität sucht. Zum Reinknien an regnerischen Sonntagen.

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    Kathrin Passig / Aleks Scholz: Handbuch für Zeitreisende

    Rowohlt 2020

    Herzlich willkommen im Pleistozän! Abenteuerurlaub in der ehemaligen DDR! Lassen Sie die Seele baumeln beim Urknall! Alles, was Zeitreisende wissen müssen, versammelt in einem inspirierenden Reiseführer. Wer sagt denn, dass in Zeiten von Corona keine Abenteuer mehr möglich sind?

    Nachdem wir alles über die physikalischen Voraussetzungen für Zeitreisen erfahren haben, wenden wir uns den attraktiven Reisezielen zu. Wir erhalten Rat darüber, wie wir am besten in den Lauf der Geschichte eingreifen. Und wie wir mit Seuchen im Mittelalter und Toiletten im alten Rom umgehen.

    Ganz nebenbei fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Die Entdeckung des Penicillins 1928 war epochemachend. Und Island ragt im frühen Mittelalter als sehr empfehlenswertes Land heraus. Die genaue Datierung des Ankunftstermins ist komplizierter als man denkt, solange jedes kleine Land eine eigene Zeitrechnung pflegt. Und was es da noch an faszinierenden Details zu beachten gilt, bevor wir uns in das Wurmloch stürzen.

    Geschichte für Weltenbummler, Reisen für Kopf-Globetrotter, Führung für Fantasten!

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    Samanta Schweblin: Hundert Augen

    Suhrkamp 2020

    Kentukis sind käufliche fahrbare Plüschfiguren, niedlich, aber auch irgendwie schäbig. In den schwarzen Knopfaugen der Kentukis verstecken sich Kameras. Sie übertragen jede Bewegung der Kentuki-Halter auf einen Computerbildschirm. Und irgendwo auf der Welt starrt ein Mensch, der sich den Zugang gekauft hat, darauf.

    Diese Konstellation hat es in sich. Der Siegeszug der Kentukis ist nicht aufzuhalten. Da gibt es immer mehr Menschen, die einen Beobachter in ihr Leben einladen. Oder bis in die intimsten Regungen am Leben eines Andern mitnaschen wollen. Zum Beispiel das Kaninchen Emilia, eine einsame Rentnerin in Lima. Sie versucht, ihre „Betreuerin“ Eva zu warnen, da sie beobachtet, wie ihr Freund sie beklaut. Oder Katia und Amy. Mithilfe von peinlichen Videoaufnahmen ihrer Mitschülerin Susan wollen sie diese kompromittieren. Erpressung inclusive.

    Wir verfolgen gebannt die Untiefen, in die Menschen geraten, wenn sie glauben, anonym bleiben zu können. Aber mit der Anonymität ist das so eine Sache… Nach Art eines Psychothrillers entwickeln sich die Beziehungen in eine Richtung, die nicht vorhersehbar war. Ein grauenerregendes und faszinierendes Experiment mit der menschlichen Psyche. Und das ist kein Zukunftsroman!

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    Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links.

    Jung und Jung 2020

    Eine Kindheit auf dem Bauernhof. Zugleich eine Parforcejagd durch die Hölle. Jedes Wort ein Treffer. Die Urgroßeltern sind schon zu alt zum Sterben. Die Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits sind verfeindet wie die Montagues und Capulets. Die Eltern verdreschen sich gegenseitig. Die älteren Zwillingsschwestern piesacken die Jüngste mit sardonischer Freude. Und mittendrin das keineswegs unschuldige Ich, das wie aus Notwehr das elterliche Heim abfackelt.

    Adler beherrscht die Sprache, wie ich es bisher noch nicht lesen konnte. Weltliterarische Anspielungen und Ausflüge in die ordinärsten Schmutzkübel wechseln sich ab. Dialektbeschimpfungen erhöhen die Fallhöhe der Bibelzitate. Berühmte Gemälde werden herbeizitiert und sprachliche Bilder beschworen, die wie der Blitz einschlagen.

    Das Buch ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und für den Österreichischen Buchpreis nominiert. Die bäuerische Originalität ihrer Sprache ist so erfrischend, dass ich ihr jeden Preis gönne. Ihre Beobachtungsgabe ist fast schon mörderisch. Ein ganz besonderes Ausnahmetalent, das die Gehirnzellen gehörig aufwirbelt.

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    Robert Seethaler: Der letzte Satz

    Hanser 2020

    Gustav Mahler sitzt an Deck des Schiffes „America“ mit Ziel Europa, in eine warme Wolldecke gewickelt. Er weiß, dass er sterben wird. Ein Strom von Gedanken und Erinnerungen zieht an ihm vorbei. Seine musikalischen Erfolge in Wien und New York, das Scheitern seiner Ehe mit Alma, der traumatische Tod seiner Lieblingstochter Maria. Ein 15-jähriger Schiffsjunge wartet ihm auf. Er lässt sich nicht abschrecken vom ruppigen Ton Mahlers und kommt mit ihm ins Gespräch.

    Seethaler möchte sein Buch nicht als biographische Annäherung an die historische Person Mahlers verstehen, sondern als eigenständiges künstlerisches Werk. Eine leise Melancholie durchzieht die Sätze. Der glasklare Stil Seethalers, der sich Zeit nimmt und Pausen lässt für das Nachdenken, streichelt die Seele. Dennoch muss ich mich manchen Kritikern anschließen: der Charakter Mahlers bleibt zu schemenhaft. Und viele Gedanken Mahlers bleiben im Belanglosen stecken.

    Ein hochgepriesenes Werk, das bei mir nicht angekommen ist. Bitte selbst nachprüfen und gerne mit mir in Austausch gehen!

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    Amir Hassan Cheheltan: Der Zirkel der Literaturliebhaber

    C.H. Beck 2020

    Dies ist kein Roman, eher ein leidenschaftliches Zeugnis für die Liebe zur Literatur. Cheheltan nahm schon als Jugendlicher am Literaturzirkel seines Vaters teil. Mitten in Teheran versammelte dieser 32 Jahre lang 8 Literaturbegeisterte zum wöchentlichen Diskussionsabend.

    Das Buch erhält seine Spannung durch einen extremen Kontrast. Die Unterdrückungsmaßnahmen des Regimes – sei es unter dem Schah oder unter den islamischen Religionsführern - stehen Cheheltans schwärmerischer Hingabe an die klassische persische Literatur gegenüber. Hier findet er – auch sexuelle - Freizügigkeit und Realismus statt Ideologie und Heuchelei. Doch auf die Dauer bricht sogar in diese heile Parallelwelt die Brutalität ein.

    Ein erstaunlicher Einblick darin, wie die Literatur eines jahrtausendealten Kulturvolkes in homoerotischen Fantasien schwelgt. Wir nehmen betroffen an der überlebensnotwendigen Abwehrstrategie eines Literaten unter schwierigsten Bedingungen teil.

    Ein zugleich irritierendes und mitreißendes Buch.

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    Marco Balzano: Ich bleibe hier

    Diogenes 2020

    Wer den aus dem Reschensee herausragenden Kirchturm kennt, möchte gerne die Geschichte dahinter kennenlernen. Marco Balzano hat eine ergreifende Handlung mit historischer Faktentreue verbunden.

    Trina ist eine junge Deutschlehrerin aus Graun/Südtirol, eher menschenscheu und „eigensinnig“. In den dreißiger Jahren ballen sich dunkle Wolken am politischen Himmel zusammen. Die aufkommenden Faschisten unter Mussolini setzen alles daran, Südtirol das Deutsche auszutreiben. Die „große Option“ Hitlers stellt die Südtiroler vor die Wahl: entweder Verlust der Heimat durch Auswanderung oder Verlust der Sprache durch Italianisierung. Der Nationalsozialismus fasziniert immer mehr junge Männer.

    Trinas Leben, aufgerieben zwischen landwirtschaftlicher Arbeit, Kinderfürsorge und politischer Unterdrückung, ist kein leichtes. Wie ein Damoklesschwert hängt der Bau des größten Staudamms Europas über dem Dorf. Dennoch finden ihr Mann Erich und sie einen Weg zusammenzuhalten und den immer schlimmer werdenden Zumutungen zu trotzen.

    Ein tief beeindruckendes Lebenspanorama inmitten der für Südtirol schlimmsten Jahrzehnte. Literarisch feinfühlig und charakterstark erzählt. Für alle!

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    Hubert Achleitner: flüchtig

    Zsolnay 2020

    Hubert von Goisern hat seinen ersten Roman geschrieben und mit Hilfe von Wolfgang Köhlmeier sofort den richtigen Verlag gefunden. Seine musikalischen Fähigkeiten kommen auch in diesem Buch, das vollständig ohne Bösewichte auskommt, zum Tragen. Ein Gefühl für Sprachmelodien und überaus treffende und kreative Vergleiche machen das Lesen zum Genuss. Sanft und menschenfreundlich wird das seit 30 Jahren verheiratete Paar Maria und Herwig durch Aufbrüche und Abenteuer, Seiten- und Abwege, Glücksmomente und Leidensstrecken geführt. Ab und an spürt man den Autor durch seine Figuren durchschimmern.

    Ein emotionales Buch, das mit Marias Weg zum Heiligen Berg Athos in Griechenland eine Reise ins Spirituelle verknüpft. Aufgrund der sprachlichen Kreativität und der trotz aller beschriebenen Krisen positiven Grundstimmung ein Lesevergnügen!

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    Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

    Kein & Aber 2016

    Ein Buch, das auf 14 Auflagen zurückschauen kann, und aktueller nicht sein könnte. Ein israelischer Neurochirurg überfährt einen illegalen Einwanderer. Der Eritreer liegt im Sterben. Wenn er den Unfall meldet, wird sein eigenes Leben auf den Kopf gestellt, dem Mann aber trotzdem nicht geholfen. Also fährt er weiter.

    Dumm nur, dass die Frau des Toten am nächsten Tag Bedingungen stellt für ihr Schweigen. Bedingungen, die sein altes Leben aus den Angeln heben. Ungewollt vermischt sich sein Schicksal mit den sonst unsichtbaren Schatten der illegalen Existenzen.

    Ein begeisterndes Buch, weil die Autorin vor nichts Angst hat. Keine Angst vor den Untiefen der menschlichen Feigheit, keine Scheu vor archaischen körperlichen Regungen, keine Illusionen über die Kluft zwischen Mensch und Mensch. Unweigerlich fragen wir uns selbst, wie wir handeln würden von Wendung zu Wendung – und davon gibt es viele! Ein Buch zur Selbsterkundung an der Hand einer unerschrockenen Autorin – grandios!

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    Xaver Bayer: Geschichten mit Marianne

    Jung und Jung 2020

    Eine Sammlung von 20 Geschichten, die es in sich haben!Es läuft immer nach dem gleichen Muster ab. Der Ich-Erzähler verwickelt sich bei harmlosen Spielchen oder geplanten kleinen Abenteuern in haarsträubende Horrortrips. Gleichmütig stellt er sich den irrwitzigen Herausforderungen seiner kafkaesken Erlebnisse. Einzige Gefährtin oder auch Initiatorin oder Begleiterin ist Marianne. Sie stellt hinter den Kulissen die Weichen oder stiftet zum Aufbruch an, immer aber ist sie gesichtslos und ziemlich dominant.

    Vorsicht: Das Abirren in alptraumhafte Szenen hat mich geradezu süchtig gemacht. Beim „Zirkus des Grauens“ z.B. kämpfte mein Sinn fürs Makabre mit der Lust am Gelächter (das mir zugleich im Halse stecken blieb). Für LiebhaberInnen skurriler Erfahrungen und zwiespältiger Gefühlszustände.

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  • Hörbuchtipps

    Clare Clark: Im gleißenden Licht der Sonne

    Historisches

    Berlin, 1923: Kunstkritiker Julius ist auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als der Galerist Matthias ihn mit Van-Gogh-Bildern für sich einnimmt. Die junge Emmeline sucht seine Nähe, um ihr Kunststudium durchzukriegen. Der Kunstmarkt brodelt, Fälschungen frappieren und die wilde Zeit reißt alle mit.

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    Stacey Halls: Die Verlorenen

    Historisches

    Im London des 18. Jahrhunderts klafft die Schere zwischen arm und reich weit auseinander. Krabbenhändlerin Bess bekommt ein Kind, ohne Aussicht, es ernähren zu können, der Vater fehlt. Sie bringt ihre Tochter nach der Geburt ins Foundling Hospital, um sie später wieder auszulösen. Aber Clara wurde angeblich einen Tag nach der Abgabe schon abgeholt, und zwar von ihr selbst. Bess sucht nach der falschen Mutter.

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    Nora Roberts: Nach dem Sturm

    Spannung / Thriller

    Caitlyn Sullivan entstammt einer Familie von berühmten Schauspielern. Auch sie ist als Kind bereits ein Star. Doch dann wird Sie beim Spielen im Garten entführt. Mit viel Mut entkommt sie ihren Peinigern und sucht sich Hilfe bei Dillon Cooper und seiner Familie. Aber noch Jahre später ist Cate erschüttert von den schrecklichen Ereignissen der Vergangenheit und muss erkennen: Diese längst vergessene Nacht war nur der Beginn einer großen Liebe und der einer schrecklichen Rache.

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    Jojo Moyes: Die Frauen von Kilcarrion

    Bewährte Unterhaltung

    Der Debütroman von Jojo Moyes von 2002. Hongkong, 1953 - Anlässlich einer Party zur Krönungszeremonie von Prinzessin Elizabeth, lernt die 21-jährige Joy ihren Mann Edward kennen. Fast 40 Jahre später leben sie auf dem Familienlandgut in Kilcarrion, Irland. Zu ihrer Tochter Kate haben sie keinen Kontakt, dennoch schickt die Alleinerziehende ihre 16-jährige Tochter Sabine für einige Zeit zu ihren Großeltern.

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    Rachel Joyce: Miss Bensons Reise

    Gelangweilt von ihrem stupiden Job, beschließt Margery Benson eine Expedition ans andere Ende der Welt zu unternehmen, um nach einem seltenen Käfer zu suchen. Dafür braucht sie noch eine Begleitung und Enid Pretty ist eigentlich gar nicht das, was sie sich vorgestellt hatte...

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    Joel Dicker: Das Geheimnis von Zimmer 622

    Als der Schriftsteller Joël Dicker seinen Urlaub in dem Schweizer Alpenhotel "Palace" verbringt, erfährt er, dass sich hier vor einigen Jahren ein Mord ereignet hat, der nie aufgeklärt wurde. Zusammen mit seiner neuen Bekanntschaft Scarlett Leonas macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit.

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  • Filmtipps

    I Am Love

    Drama | filmfriend

    Emma (Tilda Swinton) hat alles. Als Frau des Oberhauptes des Recchi-Clans, einer alteingesessenen Mailänder Modedynastie, ist sie reich, elegant und sorgenfrei. Fast schlafwandlerisch bewegt sie sich durch ein Leben, das aus endlosen Dinnerparties und Treffen mit ihren erwachsenen Kindern besteht. Doch dann begegnet sie dem Koch Antonio.

    Regie: Luca Guadagnino, I/GB 2009, 120 Minuten
    Mit: Tilda Swinton, Flavio Parenti

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    Starlet

    Drama | filmfriend

    60 Jahre trennen Porno-Sternchen Jane und die 85-jährige Sadie, und doch kommen sich ihre einsamen Seelen näher: Sie finden zu einer ungewöhnlichen Freundschaft und stoßen auf sorgsam gehütete Geheimnisse.

    Regie: Sean Baker, USA/GB 2012, 104 Minuten
    Mit: Dree Hemingway, Besedka Johnson

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    Espen und die Legende vom Goldenen Schloss

    Abenteuer, Fantasy | DVD

    Die beiden Bauernsöhne Per und Pål stehen unter Verdacht, das Königspaar vergiftet zu haben. Ihre einzige Hoffnung ist ihr Bruder Espen (Vebjørn Enger), der sich mit Prinzessin Kristin (Eili Harboe) auf die Suche nach dem sagenumwobenen Schloss Soria Moria macht, das aus purem Gold gebaut sein soll. Der Legende nach befindet sich dort ein Brunnen, der das Wasser des Lebens enthält – das einzige Heilmittel für den König und die Königin. Wenn Espen und Kristin scheitern, bedeutet das das Ende für die Brüder, das Königreich und vielleicht die ganze Welt.

    Regie: Mikkel Sandemose, Norwegen 2019, 99 Minuten

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    Ein Doktor auf Bestellung

    Komödie | DVD

    Serge arbeitet seit 20 Jahren als Arzt für einen medizinischen Notfalldienst in Paris. Selbst an Heiligabend muss er als einziger Mitarbeiter durcharbeiten. Aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände kommt es zu einem Unfall mit dem tollpatschigen Lieferdienst-Fahrer Malek, bei dem sich Serge den Rücken verrenkt. Um seinen Job nicht zu verlieren, spannt Serge Malek ein, ihn in der Nacht zu seinen Notfallpatienten zu fahren und diese an seiner Stelle zu behandeln. Was folgt ist ein aberwitziges Abenteuer, das das Leben beider Männer grundlegend verändern wird...

    Regie: Tristan Séguéla, Frankreich 2020, 86 Minuten

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    Palm Springs

    Komödie | DVD

    Als der sorglose Nyles bei einer Hochzeit auf die widerwillige Trauzeugin Sarah trifft, werden die Dinge schnell kompliziert. Denn aus unerklärlichen Gründen stecken beide plötzlich in einer Zeitschleife fest und können weder dem Veranstaltungsort noch einander entkommen. Um den Kreislauf zu durchbrechen, mischen Nyles und Sarah den Zeitschleifenwahnsinn gehörig auf. Wenn dabei noch Gefühle ins Spiel kommen, ist ein Desaster vorprogrammiert…

    Regie: Max Barbakow, USA 2020, 90 Minuten

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    Songbird

    Drama | DVD

    Eine Pandemie hat die Welt aus den Angeln gehoben, überall herrscht Ausnahmezustand. Los Angeles ist nach 213 Wochen im Lockdown eine geteilte Stadt: Eine Mauer trennt die Armen von den Reichen, die Infizierten von den Gesunden. Wer an dem Virus erkrankt, wird vom lokalen Hygieneamt sofort in die gefürchtete Q-Zone gebracht. Nur einigen wenigen Menschen kann der Erreger nichts anhaben, sie dürfen sich frei bewegen. Zu diesen Immunen gehört Nico, der als Kurier durch die ganze Stadt fährt und dabei auch Sara kennengelernt hat...

    Regie: Adam Mason, USA 2020, 82 Minuten

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    Filmtipps auf filmfriend

    Streamen mit deiner Bibliothek geht jetzt noch einfacher und bequem vor dem Fernseher: App auf Android TV, Fire TV oder Apple TV runterladen und los geht's.

    Kollektion Literatur & FIlm: Verfilmte Buchklassiker

    Eigentlich sind sie ständige Rivalen, und doch können sie nicht voneinander lassen: Literatur und Film. Ob Romane, Novellen, Kurzgeschichten, Theaterstücke und sogar Opern: Oft zehrt ein Film von der Bekanntheit der Vorlage - und im besten Fall regt er dazu an, nach dem Film das Buch neu zu entdecken.

    Zu den verfilmten Buchklassikern zählen u.a. FLUCHTWEG NACH MARSEILLE nach Anna Seghers Roman "Transit" und DER LADEN - die autobiografisch inspirierte Romantrilogie von Erwin Strittmatter. Im Bereich der zeitgenössischen Buchverfilmungen finden sich z.B. DAS ANDERE KIND nach Charlotte Link oder DER HIMMEL VON HOLLYWOOD nach Leon de Winter. Erwähnenswerte verfilmte Kriminalromane sind etwa Agatha Christies DAS SPINNGEWEBE oder Alfred Hitchcocks Verfilmung von DER MIETER nach Marie Adelaide Belloc Lowndes. Zu den verfilmten Theaterstücken und Opern zählen u.a. Shakespeares VIEL LÄRM UM NICHTS oder ANTIGONE nach Sophokles. In den Kinderbuchverfilmungen finden sich Klassiker wie TOM SAWYER nach Mark Twain, Zeitgenössisches wie HINTER DER BLAUEN TÜR, aber auch Märchenverfilmungen wie DAS KALTE HERZ. Die Sektion "Die Kunst der Worte" bietet schließlich eine große Auswahl an Schriftstellerportraits etwa von ARNO SCHMIDT, ARTHUR MILLER, GABRIEL GARCÍA MÁRQUEZJÜRGEN BECKER und MARGARET ATWOOD; ergänzt wird sie um fiktionale Filme über Schriftsteller*innen wie etwa über die Dichterin Elizabeth Bishop in DIE POETIN.

  • Bestseller

    Hier finden Sie eine Zusammenstellung aktueller Bestsellerlisten sowie die ORF Bestenliste:

    Bestseller Belletristik

    Bestseller Sachbuch

    ORF Bestenliste

  • Neuerwerbungen

    Stöbern Sie in unseren aktuellen Neuerwerbungen. Ob die gewünschten Medien verfügbar sind, sehen Sie im Online-Katalog.

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